Test Kawasaki Versys / 2011
Online-Fahrbericht Kawasaki Versys 650 (ab 2010)
24.10.2011 11:08 (föfö)
Aufs Jahr 2010 hat Kawasaki ihr vielseitigstes Pferd im Stall, die Versys, überarbeitet. Wir sind sie gefahren und meinen: Die 650er Versys ist ein prima Allroundbike zum günstigen Einsteigerpreis (11'990.- Franken), das gerne unterschätzt wird.
Weit über 20 Motorräder bietet Kawasaki derzeit an. Darunter hat es Raketen wie die ZX-10R, klassische Schönheiten wie die W 800 oder feine Tourensportler wie die Z 1000 SX. Als Motorradjournalist hätte man also die Qual der Wahl. Doch keine Kawa bin ich - mit Ausnahme des Reisebombers 1400 GTR - wohl öfter gefahren als die Versys. Ist das Zufall? War einfach immer eine Versys vorhanden, als ich gerade in der Nähe war? Nein, Tatsache ist wohl viel eher: Ich habe die Versys bei Vergleichstests als mein Fahrzeug gewählt und ihr damit vor all den anderen den Vorzug gegeben. Einen echten Fahrbericht habe ich zur Versys aber nie geschrieben - und hole das nun gerne nach, denn die Versys gehört meiner Meinung nach zu den meistunterschätzten Motorrädern überhaupt.
Einordnung
Als Kawasaki die Versys 2006 zum ersten Mal der Presse präsentierte, fragte auch ich mich: Zu welcher Fahrzeugkategorie gehört die nun eigentlich? Für eine Reiseenduro vom Schlage einer R 1200 GS sah sie zuwenig kantig und zu sportlich aus und für einen Tourensportler hatte sie zu lange Federwege und eine zu hohe Sitzhöhe. Was also?
Nun, Kawasaki hatte selbst dafür gesorgt, dass die Versys nur schwer einzuordnen war, denn schon der Name "Versys" sollte dies bekräftigen. Versys steht für "versatiles System", also ein vielseitiges System. "Eine für alles" also sollte die Versys werden, eine Art "Eierlegende Wollmilchsau".
Erfolg
In Sachen Verkäufe klappte das nicht ganz. Die Versys blieb in den Stückzahlen immer deutlich hinter ihrer kleinen Schwester mit dem gleichen Motor, der ER-6n zurück. Wofür es zwei Gründe gibt: 1. Nichts hasst der Motorradkunde mehr als Unklarheit. Er will sich und die anderen einordnen, überordnen, unterordnen. Die Versys passt aber in keine Schublade. Es gibt weitere Beispiele von Bikes, die sich schlecht einordnen lassen: Honda Crossrunner, Honda DN-01, Yamaha TDM, Buell XB 12X Ulysses, KTM 990 SMT. Nur die KTM darf bis jetzt als Grosserfolg verbucht werden. 2. Design. Das Design der ersten Versys war sehr gewöhnungsbedürftig, was den Absatz eines Motorrades auch nicht gerade beschleunigt.
Facelifting
Auch Kawasaki merkte bald, dass vor allem das Design der Versys "vor dem Licht stand" - und spendierte ihr aufs Jahr 2010 eine optische Überarbeitung. Seither sie weit kantiger, entschlossener aus.
Motor
Bei meinem Testexemplar brauchte es immer mindestens zwei Startversuche - vermutlich eine falsche Standgaseinstellung. Im Allgemeinen startet die Kawasaki nämlich sehr zuverlässig. Fein nimmt meine Versys dafür das Gas an, ab rund 2500/min ist sie ziemlich ruckelfrei zu bewegen. Der Paralleltwin (ein Gegenläufer mit Ausgleichswelle) stammt aus der ER-6n und wurde für die Versys optimiert. Der Motor ist über alle Zweifel erhaben: ein ausgezeichneter Motorradmotor, drehfreudig, kräftig...und dazu noch äusserst genügsam. Mit 5 Litern sollte man meistens durchkommen. Bummelt man, fliessen durch die Einspritzdüsen gerade noch 4,5 Liter pro 100 km.
Ein Kennzeichen des Kawasaki-Paralleltwins ist vor allem seine Freude am Drehen. Ab rund 2500/min ist er, wie gesagt, ruckelfrei fahrbar. Zügiges Schalten vorausgesetzt geht es rasch bis in die Region um 8000/min. Der rote Bereich fängt zwar erst bei 10'500/min an - aber über 8000 geht dann nicht mehr soviel. Reicht ja auch: somit ist die Versys durchaus auch sehr sportlich fahrbar.
Sound
Leider das schwächste Kapitel der Versys. Der Underfloor-Endschalldämpfer äusserst sich nur sehr zurückhaltend und will so gar nicht zu diesem drehfreudigen Motor passen. Auch bezüglich Zubehörendschalldämpfer gibt es leider keine guten Nachrichten: die Einbaulage des orginalen Endschalldämpfers hat zur Folge, dass nur die wenigsten Anbieter für den Exoten etwas im Sortiment haben.
Vibrationen, Lastwechsel
Vibrationen sind trotz der Ausgleichswelle ein Thema. Mir fiel bei der letzten Testfahrt auf, dass bei circa 6000/min von den Fussrasten hochfrequente Vibrationen ausgehen. Störend sind sie aber nur im ersten Augenblick, man gewöhnt sich schnell daran. Und gibt man nicht gerade Stoff und hält sich bei rund 4000/min auf, sind Vibrationen sowieso kaum mehr ein Thema. Das gleiche gilt für Lastwechsel: wenn überhaupt nur marginal vorhanden.

Galerie d'images Pressefotos Kawasaki Versys 2011
Fahrwerk, Komfort
An die Handlichkeit einer Aprilia Dorsoduro oder Ducati Hypermotard kommt die Versys nie heran. Muss sie aber auch nicht. Denn laut ihrem Aufgabenbuch soll sie im Kurvengewühl Spass machen – aber eben auch auf der langen Strecke. Und das gelingt ihr ausgezeichnet. Ohne viel Kraftaufwand wirft sie sich in die Kurven, gefühlsmässig würde ich sie als gut ausbalanciert bezeichnen. Dass sie nur rund 210 kg vollgetankt wiegt, hilft ihr in schnellen Kurvenwechseln ungemein. Für die grosse Tour sind zudem die längeren Federwege von Vorteil, dadurch werden die meisten Schlaglöcher aus dem Fahrerlebnis herausgefiltert.
Man sitzt sehr aufrecht auf der Versys. Der Kniewinkel ist entspannt, der Lenker ist auf idealer Höhe anzutreffen. Meiner Meinung nach hätte der Lenker aber noch etwas breiter ausfallen dürfen - damit liesse sich die Versys noch direkter und schneller einlenken. Kleinere Leute wie Kollege Dänu, die sich an breiten Lenkerstangen wie aufgehängt fühlen, finden gerade diese Lenkerdimension angenehm.
Die kleine Windschutz hilft wirkungsvoll, die ärgsten Windturbulenzen vom Fahrer abzuhalten, weshalb die Versys auf der Autobahn viel entspannter zu fahren ist als die ER-6n.
Bremsen
Nur mit ABS erhältlich. Vordereradbremse verzögert effektiv und hat einen definierbaren Druckpunkt. Leider braucht sie relativ viel Handkraft. Zur Vollbremsung wird also die ganze Hand gebraucht - bei einigen Konkurrenten reichen dazu zwei Finger. Die Hinterradbremse ist gutmütig-unterstützend ausgelegt.
Cockpit
Gut ablesbares Cockpit mit analogem, grossen Drehzahlmesser und digitalem Tacho. Einwandfrei funktionierende Tankuhr. Leider kein Ganganzeiger an Bord.
Verarbeitung
Die ersten ER-6n/f-Jahrgänge sind nicht gerade ein Ruhmesblatt in Sachen Verarbeitungsqualität. Nicht selten begannen gewisse Schrauben schon nach einem Jahr zu rosten. Kawasaki nahm sich bei der Neuauflage der ER-6n im Jahre 2009 des Problems an und lieferte ein deutlich wertigeres Bike ab. Die hochwertigere Verarbeitung hatte sie von der Versys übernommen. Zwar ist viel an ihr aus Plastik - dafür sind diese Teile dann aber auch leicht. Ich sage immer: Lieber nur 210 kg vollgetankt und ein wenig Plastik dran als 260 kg und viel Stahl verbaut....
Weiteres
Wer hin und wieder auch auf grobem Schotter unterwegs ist, sollte der Versys einen besseren Krümmerschutz spendieren - denn frontal sind die Krümmer kaum geschützt. Auch ein Zentralständer wär auf Wunschliste, so könnte auf Tour die Kette deutlich einfacher gepflegt werden. Dies ist aber wegen des tiefsitzenden Schalldämpfers nicht möglich.
Die Rückspiegel sind zwar eckig-stylish, dafür offenbaren sie aber erfreulich viel Sicht nach hinten. Und die Haltegriffe für den Sozius sind von der stabileren Sorte und machen einen guten Eindruck. Die Federelemente sind einstellbar, die Batterie ist gut zugänglich für ein Batterieladegerät im Winter.
Zubehör
Kawasaki bietet schon von Haus aus viel Zubehör zur Versys an. Da wären Sturzpads, eine andere Windschutzscheibe, ein Topcase, zwei Plastikseitenkoffer (je 35 Liter) oder Handprotektoren. Vom niedrigen Gelsitz würde ich abraten - der Langstreckenkomfort leidet darunter. Wer auf der Versys mit den Füssen nicht sicher den Boden erreicht, kauft sich besser eine ER-6-Schwester: ER-6n oder ER-6f.
Fazit
Niedriger Preis, agiles Bike, toller und drehfreudiger Motor, anständige Bremsen, viel Komfort - was will man mehr? Meiner Meinung nach ist die Versys derzeit eines der meistunterschätzten Bikes. Es fehlt zwar ein wenig an den Emotionen, weil die Maschine nicht so richtig einzuordnen ist und kaum Sound offeriert. Wie auch immer: die Versys ist ein idealer Tourenkumpel für fast jede Gelegenheit - versatil halt.

Galerie d'images Details zur Kawasaki Versys
Technische Daten:
MOTOR
Motortyp Flüssigkeitsgekühlter Viertakt-Reihenzweizylinder
Hubraum 649 cm³
Bohrung x Hub 83 x 60 mm
Verdichtungsverhältnis 10,6:1
Ventil-/Einlasssystem DOHC, 8 Ventile
Gemischaufbereitung Kraftstoffeinspritzung: Ø 38 mm x 2 (Keihin)
Zündung Digital
Starter Elektrostarter
Schmiersystem Drucklaufschmierung,Semi-Trockensumpf
LEISTUNG
Maximale Leistung 47 kW (64 PS) bei 8.000/min
Maximale Leistung mit RAM Air 61 Nm bei 6.800/min
Maximales Drehmoment 61 Nm bei 6.800/min
ANTRIEB
Getriebe Sechsganggetriebe
Endantrieb Dichtring-Kette
Primärübersetzung 2.095 (88/42)
Übersetzungsverhältnis: 1. Gang 2.438 (39/16)
Übersetzungsverhältnis: 2. Gang 1.714 (36/21)
Übersetzungsverhältnis: 3. Gang 1.333 (32/24)
Übersetzungsverhältnis: 4. Gang 1.111 (30/27)
Übersetzungsverhältnis: 5. Gang 0.966 (28/29)
Übersetzungsverhältnis: 6. Gang 0.852 (23/27)
Endübersetzung 3.067 (46/15)
Kupplung Mehrscheibenkupplung im Ölbad, mechanisch betätigt
CHASSIS/RAHMEN
Rahmentyp Diamantrahmen aus hochfestem Stahl
Radfederweg, vorn 150 mm
Radfederweg, hinten 145 mm
Reifen, vorn 120/70ZR17M/C (58W)
Reifen, hinten 160/60ZR17M/C (69W)
Lenkkopfwinkel/Nachlauf 25˚/108 mm
Lenkwinkel, links / rechts 35/35˚
FEDERELEMENTE
Radaufhängung, vorn 41-mm Upside-down-Teleskopgabel mit stufenlos einstellbarer
Zugstufendämpfung und einstellbarer Federbasis
Radaufhängung, hinten Seitlich montiertes Einzelfederbein mit 13-stufig einstellbarer
Zugstufendämpfung und 7-stufig einstellbarer Federbasis
BREMSEN
Bremse, vorn semi-schwimmend gelagerte 300-mm-Doppelscheibenbremse
im Petal-Design mit Doppelkolben-Schwimmsätteln
Bremse, hinten 220-mm-Scheibenbremse im Petal-Design mit
Einkolben-Schwimmsattel
MASSE UND GEWICHTE
Abmessungen (L x B x H) 2.125 mm x 840 mm x 1,330 mm
Radstand 1.415 mm
Bodenfreiheit 180 mm
Sitzhöhe 845 mm
Gewicht fahrfertig 209 kg
Tankinhalt 19 Liter
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