Fahrbericht BMW R 1200 GS
Test der BMW R 1200 GS auf einer 2500 km langen Fahrt
19.08.2011 10:07 (föfö)
Ich fuhr mit der BMW R 1200 GS über fast 2500 km durch Italien, genauer durchs Südtirol und das Friaul. Dass die Maschine perfekt funktionierte und bestens mit der Strecke harmonierte, nimmt man dabei schon fast als selbstverständlich an. Im folgenden also der Fahrbericht zu einem der alltagstauglichsten Motorräder, die es in der Schweiz überhaupt zu kaufen gibt.
Geschichte / wie die GS entstand
Letztes Jahr feierte BMW "30 Jahre GS". Im Herbst 1980 war es nämlich, als den Motorradjournalisten in Frankreich ein ganz neuer Typus Motorrad vorgestellt wurde. Eine Art Zwitter war es, sie sollte sich sowohl im Gelände wie auch auf der Strasse gleichermassen gut fortbewegen können. Um das schon im Namen deutlich zu machen, entschied man sich für das Kürzel G/S (Gelände/Strasse). Weil das kein Mensch auszusprechen wusste, verschwand der Schrägstrich bald wieder - GS genügte.
Mit 186 kg (vollgetankt!) kam die 1980er R 80 G/S damals ganz klar aus der Schotterecke, der Maschine wurden einfach noch ein paar Strassenmanieren mit auf den Weg gegeben. Das Ergebnis überzeugte. Doch mit fast jeder Modellüberarbeitung verlor die G/S (oder GS) im Laufe der Jahre immer mehr ihre Geländegene - die aktuelle R 1200 GS ist denn auch fast nur noch eine reinrassige Strassenmaschine, die sich optisch an Enduros anlehnt.
Galerie d'images Die BMW GS-Geschichte
Annäherung
Auch wer schon viele Jahre GS gefahren ist, nähert sich einer solchen Maschine mit einer gewissen Bewunderung. Das hat einerseits damit zu tun, dass es optisch eine relativ grosse, mächtige Maschine ist. Zum anderen hat es etwas damit zu tun, dass die GS vielleicht das Motorrad ist, das am "extrovertiertesten" seinen Antrieb offenlegt. Bei keinem anderem Motorrad - Harley, Ducati und Guzzi inbegriffen - darf man so unverhohlen auf den Zylinder starren.
Die grosse GS ist ein mächtiges Motorrad. Im Idealfall hat der Fahrer schon etwas Töff-Erfahrung gesammelt. Für Einsteiger gibt es bessers Material bei BMW (F 650 GS / G 650 GS / R 800 R etc). Unten ein Werbefoto von BMW:

Aufgesessen
Eines der besten Argumente für die grosse GS ist ihre Sitzposition: man thront beinahe über dem Strassenverkehr. Die Übersicht ist damit formidabel. Im übrigen ist die Sitzbank höhenverstellbar - dazu reichen zwei Handgriffe bei abgebautem Sitzpolster. Wie es sich gehört, ist der Kniewinkel sehr entspannt, die Sitzhaltung aufrecht und die Griffe liegen bestens in der Hand. Die Breite des Lenkers ist für Fahrer, die noch nie auf einer Reiseenduro gefahren sind, vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig - aber schon nach kurzer Zeit kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass ein Lenker schmaler sein könnte.
In der Praxis weiss sich der breite Lenker gerade bei schmalen Kurvenpassagen bestens zu bewähren - durch den langen Hebel kann so sehr präzise gearbeitet werden. Ausserdem - aber das ist eine Info nur für erfahrene Fahrer - entspricht die Lenkerbreite in etwa der Kofferbreite am Heck. Oder anders: wenn du zwischen zwei Autokolonnen mit dem Lenker vorbeikommen, wird es auch am Heck klappen. Aber selbstverständlich ist das Kolonnensurfen nicht allerorten erlaubt...
Bis circa Tempo 140 km/h schirmt das Windschild (einstellbar vor der Fahrt) recht gut vor dem Fahrtwind ab. Nein, das ist falsch gesagt: es entstehen kaum störende Verwirbelungen bei höheren Tempi, so dass auch lange Autobahnetappen nicht zum Schrecken werden. Trotzdem vermag viel Frischluft zum Oberkörper zu gelangen, was man gerade im Hochsommer zu schätzen weiss.
Mit der GS am Lago Misurina in den Dolomiten:
Start
Die GS startete bei jeder Gelegenheit zuverlässig und nahm das Gas ebensogut an - egal, ob ich zuvor 3 Stunden lang mit hohem Tempo gefahren war oder sie stehen gelassen hatte. Der Anfahrpunch ist enorm, vermutlich einer der Gründe, warum sie sich so gut verkauft: praktisch ab Standgas hat man einen Drehmomentberg zur Verfügung, den einem souverän mit dem Verkehrsgeschehen umgehen lässt.
Motor
Die GS reagiert auf jeden Gasbefehl sofort willig und stürmt voran, zumindestens auf den öffentlichen Strassen ist es schwierig, sie überhaupt an Leistungsgrenzen zu bringen. Von circa 1200-7500/min liefert sie in fast jedem Gang zornigen Vorschub. Vibrationen sind dabei bei gewissen Drehzahlen leicht in den Fussrasten zu spüren - aber störend ist das nicht.
Aufs Jahr 2010 bekam die neue GS ja von der HP2 den DOHC-Ventiltrieb. Das brachte marginal mehr Leistung und Drehmoment. Spürbar wäre das selbst im direkten Vergleich wohl kaum. Festzuhalten ist darum, dass der letzte luftgekühlte Boxerjahrgang also bestens im Futter steht und sicherlich nicht wegen zu wenig Leistung aufs Jahr 2013 durch den Wasserboxer (siehe Story dort) ersetzt wird.
Quell ständiger Freude: der BMW-Boxermotor:

Benzin-Verbrauch
Circa 5.3 Liter im Durschnitt. Das ist kein schlechter Wert für die gebotene Leistung - trotzdem möchte ich daran erinnern, dass die alten 1100er-GS sich sogar noch mit etwas weniger begnügten - trotz fetterer Abstimmung. Anderseits: auch bei starker Gashand nippt sie nie über 6 Liter - was man von den alten GS-Typen nicht behaupten kann.
Ölverbrauch
Keiner / marginal.
Fahrwerk
Wie sich die GS doch im Laufe der Jahre verändert hat! Zuerst eher Geländemaschine (R 80 G/S), dann eher Tourendampfer (R 100 GS / R 1100- R 1150 GS), bis schliesslich eine dynamische Fahrmaschine daraus gemacht wurde (R 1200 GS). Allein schon die Tatsache, dass viele Italiener an Stelle einer Ducati inzwischen für ihre Passräubereien auf eine GS setzen, zeigt, in welche Richtung Fahrwerk und Motor weiterentwickelt wurden.
Das Telelever-Fahrwerk vorne spricht viel sensibler an als frühere Varianten und liefert mehr Feedback - ist aber natürlich konstuktionsbedingt nicht mit einer herkömmlichen Telegabel zu vergleichen. Das Paralever hinten hat meiner Meinung nach weniger Fortschritte gemacht und ist, verglichen mit herkömmlichen Hinterradfederungssystemen eher auf der intransparenten Seite. Der Vorteil dafür ist, dass der Fahrer enorm komfortabel auf der GS aufgehoben ist und nicht andauernd durchgeschüttelt wird. Italienische Passstrassen können ja zum Teil in einem sehr schlechten Zustand sein - was auf die Dauer stark ermüdet. Nicht so mit der GS. Da ist man auch nach stundelangem Auf- und Ab noch topfit...

Sound
Amüsant fand ich die Bemerkung unserer deutschen Kollegen von der Motorradzeitschrift Tourenfahrer: "Dass man dabei auch über das Ziel hinaussschiessen kann, zeigt die aktuelle R 1200 GS, die zumindestens von allen Redakteuren als zu laut empfunden wird...." Ha! Wie die Geschmäcker doch unterschiedlich sein können! Ich wollte zur Auspuffanlage der neuen (ab 2010) GS sagen: BMW ist endlich auf dem richtigen Weg. Die Auspuffanlagen davor waren klar zu wenig kernig. Da gerade der Sound ein wichtiges Kriterium ist, um Emotionen zu wecken, darf die GS hier einfach kein lustloses Gebrabbel zum Besten geben. Das hat auch München gemerkt und der 2010/2011er GS eine elektronisch gesteuerte Abgasklappe für "kerningen Sound" (O-Ton BMW) mit auf den Weg gegeben. In der Realität sieht es so aus, dass die Konkurrenz von Ducati/KTM hier nach wie vor die Nase vorn hat - aber BMW ist auf dem richtigen Weg.
Bremsen
Topmaterial von Brembo (auch wenn BMW draufsteht...). In jeder Hinsicht: sie sind fein dosierbar und es ist nur wenig Kraft vonnöten, um voll in die Eisen zu gehen. Im Extremfall wäre eine Vollbremsung gar mit nur zweien Fingern möglich. Die Wirkung ist über alle Zweifel erhaben, ebenfalls die Funktion des ausgereiften ABS-Systems (in der Schweiz nur mit dieser Option erhältlich).
Kupplung/Getriebe
Bei alten Vierventilboxern der grösste Schwachpunkt, hat BMW sich da richtig reingekniet. Die (hydraulisch betätigte) Kupplung braucht nur wenig Handkraft und ist sehr präzise zu dosieren. Das Getriebe seinerseits arbeitet bestens, trennt formidabel. Einzig die Gangabstufung wollte mir nicht hundertprozentig gefallen: der erste Gang dünkte mich etwas gar kurz, so dass eigentlich selbst langsamste Passagen immer im zweiten Gang bewältigt werden müssen. Vielleicht ist das ein letztes Überbleibsel aus der früheren GS-Geländezeit (siehe Geschichte).
Gerade wer mit Vollpackung (Zelt, Unterlage, Schlafsack, Kocher, Geschirr, Essen etc) verreist, bekommt mit der GS das ideale Reisebike. Foto von einem Zeltplatz in den Dolomiten:
Verarbeitung
Exzellent, wie man es bei dem Preisnivau auch erwarten darf. Schon das Hochklappen des Tankdeckels hinterlässt einem einen guten Eindruck - das schafft Vertrauen für eine langjährige Beziehung. Auch ohne Zusatz-Ausstattung sind viele Dinge einstellbar. Die Lackqualität ist über jeden Zweifel erhaben. Alle Motorradfunktionen versahen auf den 2500 km ohne Ausfall ihren Dienst.
Cockpit
Die GS-Cockpits waren noch nie Schönheiten - aber sie waren ohne Zweifel praktisch und übersichtlich und lieferten eine Fülle von Infos. Das ist bis zum heutigen Tag so geblieben. Komplett mit Reifenluftdruckkontrolle, Aussentemperatur, Gangangzeige, Benzinanzeige, Restreichweite etc.
Preis
Derzeit kostet die BMW R 1200 GS: 19'900.- (Stand August 2011). Davon abgezogen wird derzeit die CH-Prämie, was bedeuted: für 18'000 Franken bekommt man heuer die R 1200 GS!
Darin inbegriffen ist in der Schweiz immer das Sicherheitspaket (ABS/ASC/RDC). Mehr Infos hierzu auf der Website von BMW.
Das Sondermodell BMW R 1200 GS Triple Black (unten):

Zusatzaustattung
Kann teilweise richtig ins Geld gehen - darum prüfe man genau, was man wirklich braucht. Mein Testmotorrad war mit ABS, RDC (Reifenluftdruckkontrolle), ASC (Schlupfregelung), ESA (elekt. Fahrwerk), Heizgriffen, Handprotektoren, Navi, Bordcomputer und Koffern ausgestattet. Im Paket (Komfort, Touring) sind die einzelnen Ausstattungen übrigens günstiger zu kaufen.
Hier meine Ansichten: über ABS, ASC und RDC müssen wir in der Schweiz nicht reden. Beim Preis von 19'900 pro GS ist das alles inklusive. Über Heizgriffe (260.- Franken) und Handprotektoren (100.-) auch nicht - die gehören auf eine Reise-Enduro. Die Kofferhalter inklusive Koffer sind nicht günstig. Wer gerne mit der GS verreist - und das dürften die meisten Käufer sein - braucht sie aber einfach, denn sie sind enorm praktisch. Mit einem einzigen Handgriff ist das Koffervolumen vergrössert, der Verschliessmechanismus ist narrensicher und machte einen guten Eindruck. Besonders gut gefiel mir, dass die Koffer selbst bei aufgepackter Gepäckrolle problemlos zugänglich waren - das ist ein wirklich clever durchdachtes System. Alternativ kann man natürlich zu einem der Zubehöranbieter (bsp. Touratech, Givi etc) und deren Gepäckset ordern. Doch ob die dann auch so optimal auf die GS abgestimmt sind, wage ich zu bezweifeln.
Perfekt auf die GS abgestimmt und einfach und logisch in der Bedienung - die Systemkoffer von BMW:
"Modescheschmuck" sind die LED-Blinkerchen und der verchromte Auspuff. Haben keinerlei Auswirkung auf das Motorrad oder die Tour - ein Fall für Menschen mit "zuviel Geld".
Beim ESA bin ich unschlüssig. Es arbeitet bestens und es ist wirklich praktisch, auf Knopfdruck das Motorrad an den jeweiligen Beladungszustand anzupassen. Doch die fast 1000 Franken Aufpreis sind viel Schotter...
Gleiches gilt für den BMW Navigator III (Garmin-Basis). Hat man ihn, will man ihn nicht wieder hergeben. Gerade bei der Durchfahrt von Städten (und der Suche nach kleinen Ausfallstrassen) leistete mir das Navi unschätzbare Dienste. Aber eben: es verschlingt zusätzlich Geld, muss periodisch upgedated werden und kann gestohlen werden. Man wäge selbst ab...
Die Weltreisemaschine: Mit der GS rund um die Welt - hier Island:
Technische Daten:
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