Test und Technik

Fahrbericht BMW F 800 GS

Test BMW F 800 GS

22.06.2011 00:00 (föfö)

Als es Mitte Sommer 2010 mal so schön warm und trocken ist, beschliesse ich, eine mehrtägige Motorrad-Camping-Tour ins Elsass zu machen. Neben einigen kleinen Pässen sollte es aber auch über winzige Schotterpisten in den Vogesenbergen gehen.


BMW-Werksfoto

Anruf bei BMW Motorrad Schweiz: "Wir könnten dir eine BMW R 1200 GS geben, die kann alles..." Dieser Meinung bin ich nicht. Die grosse GS ist erste Wahl, wenn es vornehmlich über asphaltierte Pisten gehen soll. Aber im Schotterbereich braucht es eine geübte Hand, denn die 1200er  ist mit 240 kg kein Leichtgewicht. Die kleine 800er-GS ist fast zwanzig Kilogramm leichter, hat weniger Drehmoment und ist im Schotterbereich ganz klar einfacher zu steuern. "Ist eine F 800 GS verfügbar?" frage ich daher.

Eine Woche später stehe ich bei BMW in Dielsdorf. Eine fast neue F 800 GS mit 2 Seitenkoffern, Topcase und Navi steht vor mir. "30 Years Edition".  Yeahhh! Volltreffer! Genau die Maschine, die ich mir immer erträumt habe. Die perfekte Fernreisemaschine...

Auf der Autobahn

Die Autobahn in Richtung Basel schafft die kleine GS als wäre es ein Sonntagsspaziergang. Bei Tempo 130 km/h fühlt sich der Zweizylinder pudelwohl, die Vibrationen halten sich im Rahmen des Erwarteten, die Windschutzscheibe schützt effektiv vor dem starken Zugwind, der Sitzkomfort ist auszeichnet. Meine langen Beine ruhen bequem auf  den Rasten, der Lenker liegt perfekt wie ein leichter Mountain-Bike-Lenker in der Hand, das Rückgrat ist aufrecht-durchgestreckt. Die aufrechte Position mit entspannter Knie und Armhaltung sind für grosse Menschen wie mich natürlich ideal. Ob sie auch kleinen Menschen passt, kann ich zuwenig beurteilen, Tatsache ist jedoch, dass der Sitz zwar schmal ist, aber trotzdem bei der Orginalversion auf 880 mm liegt. Das selektioniert gewaltig...

Verbrauch

Der erste Tankhalt im Elsass offenbart dann Erfreuliches: gerade einmal 4.5 Litern Sprit hat sich die kleine GS gegönnt - und das trotz Dauer-130 km/h auf der Autobahn. Der Benzintank liegt übrigens schwerpunktgünstig im Heck, dort wo normalerweise der Tank zu finden ist, befindet sich Airbox und Elektronikteile. Einen Nachteil hat diese Konstruktion allerdings: Mein Packsack mit dem Zelt und dem Schlafsack liegt nun genau über der Tanköffnung, mühsam muss ich sodann immer den Zapfhahn irgendwie am Packsack vorbeiquetschen, um den Töff auftanken zu können.

Der perfekte Motor für diese Art Motorrad

Die ersten Kurven im Elsass stehen nun an. Herrlich, wie der Paralleltwin da aus den Kurven herausbeschleunigt. Gefühlsmässig kommt es mir vor, als ob ich ein viel stärkeres und hubraumgrösseres Bike unter mir hätte, so gut beschleunigt die F 800 GS kurvenausgangs wieder hoch. Der Motor, schon bekannt aus den anderen BMW-Paralleltwintypen F 800 S und F 800 ST ist auch für die kleine GS die perfekte Motorisierung: leistungs- und drehmomentstark, sparsam. Bis circa 5500/min liefert die GS echte Power und lässt einen nie im Regen stehen. Danach lässt sie spürbar nach. Ausserdem hat BMW darauf geachtet, dass auch solche Soundfanatiker wie ich zum Zug kommen: der BMW-Paralleltwin klingt nur in der F 800 GS schön basslastig, alle anderen 800er-Schwestern klingen deutlich weniger angenehm.  Im Schiebebetrieb bellt die GS zuweilen sogar wie eine Ducati kurz auf.

Fahrwerk

Ein grosses Plus ist die Gabel mit viel Federweg, zwar geht sie beim harten Anbremsen sofort auf Tauchstation, doch die Gabel reagiert ausgesprochen sensibel und wirkt vertrauenserweckend in allen Fahrlagen. Nebenbei gesagt ist dies übrigens auch der grösste Unterschied zur "kleinen" Schwester F 650 GS (das Zweizylindermodell mit dem gleichen Hubraum). Die F 650 GS hat eine Gabel, die sich schwerfällig und stumpf anfühlt, die F 800 GS hingegen hat eine bestens ansprechende Gabel, die der GS eine Leichtfüssigkeit verleihen, die eben an ein Mountain-Bike erinnert. Der Lenker ist breit, was gerade in etwas kniffligen Passagen abseits der asphaltieren Strasse sehr von Vorteil ist. Auch engste Kurven lassen sich so sehr präzise meistern.

Einstellung des Federbeins hinten

Bremsen

Auch die Bremsen (Doppelscheibe vorne bei der 800er GS - die 650er hat nur eine Scheibe vorne) vermögen da mitzuhalten, die Vorderradbremse ist mit zwei Fingern zu bedienen, ist bestens dosierbar und verzögert sehr gut. Dass ABS immer serienmässig mit an Bord ist, muss eigentlich fast nicht mehr erwähnt werden - BMW nahm hier ja schon früh eine Vorreiterrolle ein.

 

Ab durch den Wald...

Bald folgt denn auch schon der schönste Teil der Reise: die kleinen, verschlungenen Schotterpfade. Im Prinzip musst du sie gar nicht einmal gross suchen, denn viele der Bergpfade enden in einem Schotterweg. Im Prinzip ist das ja auch in der Schweiz so - nur steht hierzulande fast immer ein Fahrverbotsschild davor. In Frankreich ist das ein wenig anders und daher pflügt meine GS bald durch den menschenleeren Wald. Dank langer Federwege und ihre robusten Charakters meistert die GS gar Feldwege mit kleineren Gesteinsbrocken im Wege, echter Geländeeinsatz (querfeldein) schliesse ich aber aus - dafür habe ich nicht die nötigen Kenntnisse, dazu ist sie zu schwer bepackt und ehrlich gesagt auch zu teuer. Schliesslich ist die 800er ein Strassenmotorrad, das gelegentlich etwas Schotter unter die Reifen bekommt und nicht umgekehrt.

Gepäcksystem

Auch das durchdachte Gepäcksystem lässt kaum Wünsche offen. Das Topcase ist beispielsweise wie eine Ziehharmonika noch oben hin erweiterbar. Clever auch die Verschlüsse. Zuerst muss man den roten Hebel drücken, danach den gelben - und offen ist der Koffer. Diese doppelte Absicherung garantiert, dass der Koffer während der Fahrt nicht versehentlich aufklappen kann. Gegen Diebe sind die Koffer natürlich abschliessbar, doch die ist nur bei ausgedehnten Stadtbummeln und eventuell über Nacht nötig.

Kardan versus Kette

Eingefleischte Tourenfahrer mögen Kardanantriebe, denn so muss keine Kette geschmiert werden. Doch ein Kardanantrieb ist teuer und schwer und so tut BMW gut daran, an der kleinen GS nur eine Kette zu verwenden. Mal ehrlich: ist das wirklich so schlimm, abends auf dem Campingplatz die Maschine noch zwei Minuten lang hin- und herzuschieben um die Kette zu schmieren? Mir selbst hat diese Arbeit nie etwas ausgemacht, nein, ich geniesse sie geradezu, denn es ist eines der letzten Dinge, die man an einem gut funktionierenden, modernen Motorrad überhaupt noch machen kann.

Cockpit

BMW-typisch ist natürlich das Cockpit (Bordcomputer aufpreispflichtig) besonders umfangreich. Unbedingt dazukaufen würde ich das Navigationsgerät BMW Motorradnavigator IV. Gerade beim Manövrieren in Städten hilft es dir ungemein. Einziges Manko ist, dass viele der ganz kleinen Strässchen im Elsass noch nicht eingezeichnet sind und ich deshalb trotzdem auf die normale Strassenkarte zurückgreifen muss.

Fazit

Wenn ihr bis jetzt auf den grossen Minuspunkt gewartet habt, muss ich euch enttäuschen - es gibt ihn nicht. Die F 800 GS hat einen guten Motor, ein gutes Fahrwerk und ist hochwertig verarbeitet. Ausserdem ist sie sparsam, relativ leicht und mit einer vielzahl von Zubehör ausstattbar. Aus meiner Sicht das ideale Reisebike für solche, die nicht nur über die Autobahn oder die ausgebaute Pass-Strasse flitzen wollen. Und falls ich dennoch einen Negativpunkt wollt, gebe ich ihn euch: Gutes ist nicht günstig und darum kostet die kleine GS ziemlich viel Geld. Und wen das immer noch nicht vom Kauf abschreckt, sei hier noch ein Negativpunkt zum Frass vorgeworfen: der Seitenständer ist einfach zu lang...

Zubehör - was braucht es wirklich?


Das Zubehörprogramm der Bayern ist riesig. Und sie lassen sich ihre Auswahl auch gut honorieren, allein die kleine GS wird so schnell mehr als 20‘000.- Franken teuer. Das Häkchen ist halt schnell hinter solchen Features wie „Bordcomputer“ oder „Griffheizung“ gemacht. Doch braucht man sie auch? Nun....im Prinzip natürlich nicht... aber die Heizgriffe funktionieren super und sind für Leute wie mich, die schnell kalte Finger bekommen, sind solche Features natürlich eine Wohltat. Darum: leistet euch das Zeugs, denn wenn ihr es nachher nicht habt, regt ihr euch doch nur auf. Andererseits kann man auf gewisse Dinge wie weisse Blinker oder Innentaschen getrost verzichten - hier finden sich schnell eigene, praktische Lösungen. Hier also eine kleine Liste der Dinge, ohne die die F 800 GS den Händler verlassen sollte, weil sie einfach gut sind:

  • Bordcomputer: 200.-
  • Griffheizung:   270.-
  • Seitenkoffer: diverse im Angebot, Alu od. Kunststoff, komplett ca. 1300.-
  • BMW Navigator IV mit Halterung und Schrauben  1228.-
  • Tankrucksack:  280.-


Technische Daten:

Können dem PDF entnommen

werden (Stand 2010)

 

Video zur Präsentation im Jahre 2007 in Südafrika

Video

 

Und so kann man eine GS natürlich auch behandeln...

Video

 

 

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