Test und Technik

Die Diversion ist wieder da!

Fahrbericht Yamaha XJ6 / Diversion

27.03.2009 00:00

Test: Geniale Dinge sind oft eins: simpel! So die auferstandene XJ6-Reihe bei Yamaha. Einfach aufgebaut, aber knackig präsentiert und dabei komplett ausgerüstet, erfüllt sie jeden Anspruch von Plauschfahrern und Einsteigern.Text: Markus Schmid Bilder: Alessio Barbanti, Paul Barshon, Friedemann Kirn


In Sydney, wo die Testfahrten mit den neuen Yamaha-Einsteigermodellen XJ6 und XJ6 Diversion stattfinden, welche die Modellpalette in der 600er-Klasse neben dem Racer R6 und der daraus abgeleiteten sportlichen FZ6 Fazer preislich nach unten abrunden, ist der Begriff Stadtverkehr gleichbedeutend mit: Es wird gefahren, wo es gerade eben geht. Jedenfalls wenn die Linienwahl unseres Guides, Marc, repräsentativ ist. Dabei ist zu beachten, dass die «Parking Lane», die Parkspur dort, wo kein Auto steht, als Fahrspur gilt. Das ist aber nicht ganz rechts, sondern ganz links, denn in Australien herrscht Linksverkehr.

Hier brauchts ein handliches Bike

Das bedeutet für einen wie mich mit Rechtsverkehr-Hirnverkabelung  vor allem: Ich muss mich blitzartig auf allerlei Unvorhergesehenes wie Querverkehr auf der «falschen» Spur und andere unversehens auftauchende Hindernisse einstellen und dann ebenso blitzartig reagieren können. Dabei hilft ein handliches Bike ohne spezielle Macken und mit anständiger Leistungscharakteristik ganz entscheidend. Und auch kräftige, aber gut dosierbare Bremsen sind ein immenser Vorteil beziehungsweise überlebenswichtig.

Teile aus dem FZ6/R6-Baukasten

All das sollen die XJ6-Modelle bieten. Im simpel gestrickten Fahrwerk, einer Brückenkonstruktion aus Stahlrohren, kombiniert mit einem senkrechten Vierkantprofil, an dem unten die Schwingenaufnahme angeschweisst ist, hängt der ursprünglich aus der R6 stammende Reihenvierzylinder mit Benzineinspritzung. Der wurde schon für den Einsatz in der FZ6 gezähmt, und jetzt hat man ihm nach den Reisszähnen noch einmal ein paar Beisserchen gezogen.

Offizielles Video zur Yamaha Diversion:

Mehr Power unten rum

Zahnlos ist er aber ganz und gar nicht! Das Entwicklungskonzept hat gelautet: Geringere Ventil- und Kanaldurchmesser kosten zwar Spitzenleistung, beschleunigen aber den Gasdurchsatz und verbessern die Füllung der Brennräume bei niedrigen Drehzahlen. Das bringt mehr  Leistung bei niedrigen und mittleren Drehzahlen.

Samtweich hängt er am Gas

Es ist bei der XJ6 voll aufgegangen. Der Sechzehnventiler mit dem gegenüber der FZ6 um 4 mm reduzierten Drosselklappendurchmesser hängt in den untersten zwei Gängen ab 2000/min perfekt und samtweich am Gas, in den grösseren Gängen gilt ab 3000/min dasselbe. Egal, ob du das Gas aufreisst oder es schön kontinuierlich öffnest, er zieht lochfrei durch bis zur Maximalleistung von 78 PS bei 10000/min. Unspektakuläre aber saubere, linear zunehmende Leistung wird geboten. Genau das, was jedem entgegenkommt, der seine Konzen­tration für anderes braucht als einen primadonnenhaften Motor.

Offizielles Video zur Yamaha XJ6:




Gut dosierbare Kupplung

Dabei wird er unterstützt von einer im besten Sinn unauffälligen, da leichtgängigen und gut dosierbaren Kupplung. Wie intensiv sich die Leute um Chefingenieur Shinya Yokomizo Gedanken um die Adaptation des R6-Motors an die Bedürfnisse von Einsteigern gemacht haben, illustriert die Tatsache, dass sie bewusst die direkte Kupplungsbetätigung von der rechten auf die linke Motorseite verlegten, weil das so nötige Gestänge quer durchs Getriebe Schläge absorbiert und die Betätigung weicher macht. Das funktioniert tatsächlich.

Besser man schaltet vorher...

Bei der Betätigung der Schaltwelle im Getriebe gingen sie denselben Weg. Nur der Erfolg blieb aus. Das Getriebe schaltet sich sehr gut bei mittleren und höheren Drehzahlen, wer aber im dritten oder vierten Gang an der Ampel anhält, kriegt die unteren Gänge nur noch mit Vor- und Zurückrollen und unter Getöse rein.

Perfekte Sitzposition

Damit hat es sich aber auch schon mit der Kritik an der XJ6, alles andere passt: Sitzposition perfekt, dank schlanker Taille ist der Knieschluss am Stahltank perfekt, die vorne schlanke, aber doch bequem gepolsterte, auch für zwei geräumige Sitzbank verspricht mit moderater Sitzhöhe auch Kurzbeinigen sicheren Stand, einstellbarer Bremshebel, Halte- und Gepäckzurr-Reling ums ganze Heck, etwas Stauraum unter der Sitzbank, ein übersichtliches, komplettes Cockpit – alles ist da, alles funktioniert.

Cockpit:

Inklusive Zentralständer!

Und den diskret unter dem Motor platzierten Auspufftopf mit G-Kat haben die Techniker sogar so hinbekommen, dass sie der Diversion einen guten, mit geringen Kräften funktionierenden Zentralständer spendieren konnten – Kompliment!

inkl. Zentralständer:

Verstellbarer Lenker

Praktisches Detail an der nackten XJ6: Hier kann der Lenker durch Drehen der Riser (Lenkeraufnahmen) um 180 Grad 2 cm nach vorne verlegt werden. Den Umbau sollten sich vor allem Grossgewachsene gönnen.

Über Land: Ganz schön flott…

Jetzt gehts vom Gewusel und Gekurve um falsch platzierte Verkehrsinseln und auf der «falschen» Seite daherkommende Verkehrsteilnehmer auf 230 Landstrassenkilometer. Von zügig bis zu holprigen Bergauf- und Bergabserpentinen bietet der Testparcours alles, inklusive Belagsarten von poliert über supergriffig  bis löchrig. Die XJ6 zeigt sich von ihrer besten Seite, lenkt leichtfüssig, aber nie nervös ein und wirkt in Standardabstimmung gut ausbalanciert.

Federung

Die Federelemente schlucken auch bei strammem Tempo jedes grobe Loch ohne durchzuschlagen, obwohl die Grundabstimmung eher auf der komfortablen Seite liegt. Bis auf die Federbasis des hinteren Federbeins gibts zwar nichts einzustellen, aber Stufe 3 von 7 reicht im Solobetrieb auch für das zeitweise sehr unchristliche Tempo bei der Testfahrt durch Australiens dünn besiedeltes Hinterland.

Wenn man denn beim Thema Radaufhängung unbedingt etwas kritisieren beziehungsweise den Technikern einen Rat für zukünftige Modellpflegemassnahmen geben wollte, wäre es der, die linearen Federn in der Telegabel gegen solche mit progressiver Wirkung auszutauschen. Aber im angepeilten Kundensegment wird das kaum jemanden stören.

Diversion kommt etwas später

Insgesamt ein problemloser, genial einfach zu fahrender und deshalb für Einsteiger idealer Töff, der mit dem optionalen ABS jeden Franken wert ist. Zum Einsatz kommt das verbesserte, 5 kg wiegende System von Yamaha mit den feiner regelnden, dreistufigen Linearventilen.
Bei den Bremsen wurde generell ein guter Kompromiss zwischen guter Bremsleistung und feinfühligem Ansprechen gefunden, und Schläuche, die unter dem Bremsdruck weniger dehnen, sorgen für einen erkennbaren Druckpunkt. Die Nackte steht bereits beim Yamaha-Händler des Vertrauens, die tourentauglichere Diversion wird ab Mitte März auch da sein.

Fazit

Mit den neuen XJ6-Modellen bietet Yamaha eigenständige und pfiffig gestylte Maschinen mit perfekter Funktionalität, die für relativ wenig Geld zu haben sind und bei denen Einsteiger und Plauschfahrer auf nichts verzichten müssen. Selbst das neuste Yamaha-Abs ist auf Wunsch an Bord.


Diversion im Jahre 2009:

XJ6 im Jahre 2009:

Die Vorgängerinnen - XJ 600 N (2002) und xJ 600 Diversion (ebenfalls 2002):


Details:

 



Englisch: technische Features der XJ6/Diversion:

Weitere Fotos:



Auf einen Blick

(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)

In der Stadt4  Punkte
Auf grosser Tour3 Punkte (XJ6), Diversion: 4 Punkte
Sportlich fahren2 Punkte
Zu zweit unterwegs3 Punkte
Emotionen3 Punkte (XJ6), Diversion: 2 Punkte



Technische Daten Yamaha XJ6 (XJ6 Diversion in Klammern)

Motor

BauartWassergekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter, Kurbelwelle querliegend.
VentilsteuerungZwei oben liegende Nockenwellen, Kettensteuerung, vier Ventile pro Zylinder
Bohrung x Hub65,5×44,5 mm
Hubraum599 ccm
Verdichtung12,2:1
GemischaufbereitungElektronisches Motormanagement, Benzineinspritzung mit je 1 Düse und 1 Drosselklappe pro Zylinder
Drosselklappen-Durchmesser32 mm
Ventildurchmesser: Einlass/Auslass
SchmierungNasssumpfschmierung, 3,4 l Inhalt.
Auspuffanlage4-1-Auspuffanlage mit G-Kat unter dem Motor
StarterE-Starter.

Leistungsdaten

Max. Leistung 78 PS (57 kW) bei 10'000/min
Max. Drehmoment6,1 mkg (59,7 Nm) bei 8000/min
V-max.

Kraftübertragung

KupplungZahnradprimär­trieb, gerade verzahnt. Seilzugbetätigte Mehrscheiben-Nasskupplung.
GängeKlauengeschaltetes Sechsganggetriebe
EndantriebEndantrieb über Rollenkette links.

Fahrwerk

RahmenDiagonalbrückenrahmen aus Stahlrohren, Stahlheck verschweisst.
Federung vorneVorn konventionelle Telegabel, nicht  einstellbar.
Gabelinnenrohr-Durchmesser41 mm
Federung hintenHinten U-Kastenschwinge aus Vierkant-Stahlrohr, Monocross-Hebelsystem aktiviert das in der Federbasis 7-fach einstellbare Zentralfederbein von Soky.
Federweg vorn/hinten130 mm / 130 mm

Räder

RädertypLeichtmetall-Gussräder. Schlauchlose Radialreifen Bridgestone BT 021.
Felgendimension vornMT 3.50×17
Felgendimension hintenMT 4.50×17
Reifendimension vorn120/70ZR17
Reifendimension hinten160/60ZR17

Bremsen

Bremse vornVorn zwei halb schwimmend gelagerte Stahlscheiben (298 mm) mit Vierkolbenzangen.
Bremse hintenHinten Einzelscheibe (245 mm) mit Einkolbenzange.
ABSJa, optional Linearventil-ABS

Abmessungen und Gewichte

Radstand1440 mm
Lenkkopfwinkel64,0°
Nachlauf104 mm
Leergewicht vollgetankt (ohne ABS)205 (211) kg
Sitzhöhe785 mm
Tankinhalt (davon Reserve)17,3/3,5 l

Farben

XJ6:

Diversion:

x
x
x

Preis, Lieferung per, Import

PreisXJ6 Fr. 9490.–, XJ6 Diversion Fr. 9990.- inkl. MwSt. und NK (Version mit ABS jeweils Fr. 1100.– Aufpreis).
Erstmöglicher Lieferterminab sofort
Import überHostettler AG,
Haldenmattstr. 3, 6210 Sursee
Tel. 041 926 61 11

Sonstiges, Bemerkungen

Bemerkungbeide auch als 25-kW-Versionen erhältlich

Konkurrenten

Aprilia Shiver
BMW F 800 R
eventuell Ducati 696, Moto Guzzi V7 Classic / Breva 750
Honda CBF 600 ABS / CBF 600 S ABS / Honda Hornet
Kawasaki ER-6n  / Kawasaki ER-6f 
KTM 690 Duke II
Suzuki GSF 650 Bandit (GSF 650 S Bandit) / GSR 600 / SFV 650 Gladius
Triumph Street Triple / Triumph Street Triple R

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